Rest in Pieces



Titel: Rest in Pieces (Ruhe in Stücken)
Autor: KanshinX & Akis kleiner Engel
Disclaimer: TR gehören sich selbst, ich habe mir lediglich die Namen geliehen, Handlung & Idee gehören mir allein
Warnungen: violence, depri, sap, rape
Genre: Slash
Pairing: Aki/Lauri
Sichtweise: Aki, Lauri, Veli-Matti
Länge: bisher 18 Seite
Entstehung: Anfang Januar 06
Rating: 18
Sonstiges: Das kommt heraus, wenn man die arme AkE zwingt, mit mir eine rape-violence-depri- Slash zu schreiben xD rape und violence weils lustig ist. Was für unlautere Absichten *haha* Rape ist ein heikles Thema und ich verabscheue solche Menschen wie V-M. Da ich (KX) den Teil von Aki und V-M verfasst habe, muss ich sagen, dass V-M nach Vorstellungen, nicht nach Wissen charakterisiert wurde. Ich kann mich nicht in das Denken hineinversetzen und ich möchte damit niemanden angreifen *drop* Rape ist ein beeindruckendes Thema und wunderbar zu lesen manchmal mit violence und depri (und death?) in der Kombination. Ich schätze das Slash-rape- violence Genre als Solches...


 

Aki

“Erinnerst du dich noch?”, frage ich.

„Woran?“, erkundigst du dich, doch als du mir in die Augen siehst, verstehst du und nickst nur langsam. Du hast begriffen, erinnerst dich an „jene Sache“, seit der inzwischen sicherlich einige Jahre vergangen sind. Einige lange Jahre. Und doch... wenn ich hier und heute zurückblicke mag es nicht länger her sein als gestern, so präsent sind deine Worte von damals noch in meinem Ohr, habe noch das Bild vor Augen, erinnere noch die Einzelheiten des Ereignisses, das uns für die Ewigkeit aneinander binden sollte.

Ob wir wollten oder nicht, säßen wir heute nicht hier beisammen, wären wir wohl längst nicht mehr...

 

Du verstehst, ich verstehe... und doch überwiegt die Unbegreiflichkeit des Ereignisses und im Grunde möchte ich es einfach nur vergessen, verdrängen und auf alle Zeit begraben. Doch möglich ist das nicht. Denn du bist hier. Wir sind unsere eigene Erinnerung, die dem Strom des Vergessens zu trotzen weiß...

 

Wie viel Zeit genau vergangen ist, seitdem wir uns begegneten und seitdem ich begriffen hatte, dass ich mich zu dir hingezogen fühle, kann ich nicht so genau sagen. Sicherlich habe ich länger gebraucht um zu begreifen, um zu verstehen, dass da „mehr“ ist, mehr als simple Zuneigung, mehr als der Wunsch, ab und an mit dir einen Kaffee zu trinken. Weiß bis heute nicht, wie lange du gehadert hast mit deinem Gewissen, bis jene bedeutungsvollen Worte deine Lippen verließen und ich zum ersten Mal in meinem kurzen Leben das Gefühl hatte, keine Antwort zu wissen.

Leere, nichts, Herzrasen, aufgeregt wie nie zuvor.

Fragend hast du mich gemustert, eine Antwort erwartet, die ich nicht sofort geben konnte. Obwohl sie mir bekannt war. Seit längerem bewusst, nur unausgesprochen...

 

„Was ist Aki?“, deine Worte holen mich zurück in die Gegenwart des Augenblicks. Des Augenblicks jenen Ereignisses.

„I... i... ich...“, meine Stimme bricht sich. Was ist nur los mit mir?

 

Lauri

Gedankenverloren siehst du in der Gegend umher, scheinst in Erinnerungen zu schweben...

Nun beginne auch ich mich zu erinnern. Langsam aber sicher schleicht sich ein kleines Lächeln auf meine Lippen. Damals warst du ziemlich verwirrt als ich es dir sagte, wusstest nichts zu sagen...
Aber dein Blick damals war so zum Lachen...

Verwirrt, entzückt und erstaunt, eine wirklich schöne Mischung. Dann versinke ich aber auch schon wieder in das Hier und Jetzt.

 

„Was ist Aki?“, frage ich dich dann schließlich.

„I... i... ich...“, beginnst du mit brüchiger Stimme. Was ist denn los mit dir? Du seufzt laut auf und räusperst dich.

„Ich musste gerade wieder an „jene Sache“ denken...“, verrätst du mir. Ein Grinsen schleicht sich auf meine Lippen.

„Ich auch! Aber ich muss jetzt los, Hanna wartet!“ Ich drücke dir einen sanften Kuss auf die Lippen und ziehe meine Jacke an.

Ich bin mit meiner Schwester Hanna in unserer Lieblingsbar verabredet. Sie möchte mir unbedingt etwas erzählen und deswegen will sie mich in die Bar einladen...

Wahrscheinlich irgendetwas Besonderes, denn sonst lädt meine Schwester nie freiwillig ein!

„Bye Lauri, bis nachher!“ Du drückst mir noch einen kleinen Kuss auf die Lippen, den ich erwidere, und schließt dann hinter mir die Tür.

 

Brrr... Ganz schön kalt! Ich stecke meine Nase in meinen Schal und laufe mit den Händen in den Hosentaschen los zur Bar. Ob Hanna schon da ist? Bestimmt, sie muss immer mehr als pünktlich sein, während ich ein paar Minuten später da bin. Kaum betrete ich die warme Bar, fällt sie mir schon  um den Hals und zieht mich zu einem der Tische.

 

Aki

Gedankenverloren blicke ich dir nach, sehe dich in der Dunkelheit der Nacht verschwinden. Danach wende ich mich nachdenklich ab vom Fenster, setze mich im Wohnzimmer aufs Sofa und starre schweigend den leeren Bildschirm an. Ich fühle mich nicht dazu berufen, den Fernseher nun anzuschalten und nachzusehen, welche Schreckensmeldungen an diesem Tag wieder die Welt erschüttert haben. Wie unbedeutend sind doch für den Unbeteiligten die Toten eines Erdbebens. Man kennt sie nicht, man hat sie nie getroffen und die Bilder im Fernseher hinterlassen nur für einen Augenblick Trauer und das Gefühl, das etwas Geschehen muss...

 

Tage später ist auch das vergeben und vergessen. Ein wenig mitleidig schaut man stattdessen der Frau hinterher, die jahrelang ohne Lohn hart arbeiten musste. Obwohl auch sie keine Bedeutung hat. Nicht für einen selbst.

Lieber denke ich an dich, bilde mir ein, deine Lippen immer noch auf den meinen zu spüren. Frage mich, was deine Schwester von dir möchte. Normalerweise lädt sie dich nicht ein oder sie kommt hierher. Was mag geschehen sein, dass sie mit dir allein sprechen möchte? Oder ist sie auf ihre alten Tage rührselig geworden und glaubt, sich mehr um ihren Bruder kümmern zu müssen?

 

Weihnachten, Neujahr... die Zeit, in der der Mensch glaubt, plötzlich menschlich werden zu müssen. Eine Zeit, in der man die ganze Welt am eigenen Glück teilhaben lassen möchte. Zumindest rein hypothetisch, in Wahrheit ist auch das nur eine Momentaufnahme und der letzte Versuch, das Gewissen zu besänftigen.

 

Ich lehne mich eine Weile zurück, bis mein Blick auf ein Buch fällt, das auf dem Wohnzimmertisch seit geraumer Zeit seinen Platz gefunden zu haben scheint. Finnisches Requiem. Vielleicht sollte ich es zuende lesen.

 

Lauri

„Was möchtest du denn Hanna?“, frage ich sie. Sie strahlt mich an und ergreift meine Hände.

„Erstmal was trinken!“ Sie ruft den Kellner der kleinen Bar zu uns.

„Zwei Bier bitte!“, bestellt sie munter. Hanna trinkt Bier? Ein Wunder...

„Also Brüderchen!“, beginnt sie.

„Ich habe eine Frage an dich und möchte dir etwas Wichtiges erzählen, okay?“ Ich nicke. Meine Schwester kann sehr leicht wütend werden, wenn man bei ihr nicht aufs Wort hört und dann kommt man sicherlich mit einem Veilchen davon. Das hat sie früher ständig gemacht, wenn ich ihr Zimmer nicht aufräumen wollte, weil sie meinte, jüngere Geschwister müssten den Älteren dienen.

 

„Mein Freund und ich, wir werden heiraten!“, verkündet sie mir nun und rammt ihre Nägel in meine Hände...
„Das ist schön Hanna...“, meine ich und sie lässt meine Hände los und verzieht das Gesicht. Sie hatte von Anfang an etwas dagegen, dass ich schwul bin und dass ich nun auch noch mit DIR zusammen bin, hat ihre Abscheu nur noch gesteigert. Denn früher hatte sie einmal auf dich gestanden, doch du wolltest nichts von ihr wissen.

Sie setzt wieder zum Reden an.

„Und ich wollte dich fragen, ob du nicht mein... Trauzeuge werden möchtest?!“ Sie nimmt einen Schluck von ihrem Bier, während ich nur einen kleinen Schluck nehme, an dem ich mich auch noch verschlucke.

„Dein Trauzeuge?!“ Mit offenem Mund muss ich sie anstarren, denn ihr Grinsen geht bis zu beiden Ohren.
„Genau!“ Sie grinst wieder.

„Wow... ich weiß nicht was ich sagen soll... aber warum ausgerechnet ich?“ Vielleicht hat sie ihre Abscheu mir gegenüber und meiner Homosexualität abgeworfen?

„Ich finde, du solltest auch mal auf eine Hochzeit, da du ja nie selbst eine haben wirst!“ Meine Miene erstarrt und ihr Gesicht ziert ein fieses Grinsen...

 

Aki

Irgendetwas hält mich heute vehement vom Lesen ab, weiß nur nicht, was genau es ist. Irgendetwas in mir sträubt sich dagegen, jetzt hier zu sein und auf dich zu warten. Ob es so gut war, dich dort allein hingehen zu lassen? Mit Hanna, die dich immer wieder dazu bringt, zu verzweifeln?

Noch gut erinnere ich mich daran, wie du vor längerer Zeit mir weinend in die Arme fielst, sagtest, sie sei einen Abend über dich zusammen mit ihren Freundinnen hergezogen. Über dich und deine Verbindung zu mir.

Einer der wenigen Augenblicke, in denen ich daran zweifelte, dass du bleibst, hier bei mir. Ob es dir nicht ein manches Mal verlockend erschien zurückzukehren in eine Welt, in der du nicht schief angesehen wirst? Ob du dir manchmal überlegtest, den Preis zu zahlen, der dir wieder Eintritt in das Haus deiner Eltern gewähren würde?

 

Ich weiß es nicht. Habe nie gefragt und du hast nie etwas gesagt. Vermutlich ist es auch ein absurder Gedanke und du würdest dich nur aufregen, mir sagen, ich solle endlich die Zweifel begraben, die ein manches Mal den Boden zwischen uns spalten.

 

Du...

Bin ich auch nur fünf Minuten allein, fällst du mir wieder ein. Bin erfüllt von dir, den Gedanken an dich. Das muss wohl Liebe sein. Wahrscheinlich würdest du das genauso sehen. Schon damals meintest du, du hättest es mir angesehen, du hättest gewusst, das ich nicht negativ antworten könnte auf deine Erklärung hin.

Stimmt das? Bin ich so offensichtlich? Oder möchtest du nicht zugeben, dass du meine Worte gefürchtet hast? So, wie ich jeden Tag fürchte, an dem du mit gesenktem Kopf mir gegenübertrittst und erzählst, was geschehen ist.

 

Es geschieht einfach zuviel.

So sehr man uns Tag für Tag predigt, unsere Gesellschaft sei modern, emanzipiert und an Rechten für Homosexuelle interessiert... im Grunde ist auch das nicht viel mehr als eine Illusion. Zu viele gibt es, die dem wiedersprechen.

Jeder Zweite scheint mir mit einem Blick zu sagen, dass ich und du, solche Menschen ihn im Grunde anwidern. Vielleicht werden diese Personen dem, der fragt, sagen, dass dem nicht so sei. Doch hinter der Fassade verbirgt sich die Realität. Die schonungslose Wahrheit jener Gestalt.

 

Was sie wohl dir diesmal erzählt hat? Deine Schwester? Ich werde nie verstehen, aus welchem Grund du ihr noch freundlich gegenübertreten kannst.

Ist es Irrglaube? Die verzweifelte Hoffnung, es würde sich etwas ändern?

Im Kern ändern sich Menschen nicht. Sie wird dich nicht akzeptieren. Und wenn nur ihr Stolz von ihr verlangt, dass sie das nicht tut. Ich weiß es...

 

Lauri

Kurz dreht Hanna sich um und entdeckt eine ihrer Freundinnen.

„Hey, Siina! Komm doch zu uns!“, ruft sie und winkte Siina zu sich. Angewidert sieht diese mich an und setzt sich zögernd dazu. Sie ist auch eine dieser Menschen, die denken, ich hätte eine schlimme Krankheit oder ähnliches.

 

Total Feuer und Flamme berichtet Hanna ihr von der Hochzeit und das ich, der ewige Leidende, ihr Trauzeuge werde. Siina grinst auch so dreckig und setzt zum Sprechen an:

„Aber als Brautjungfer würde er doch auch passen!“ Diese Worten treffen mich wie Schläge. Hanna und ihre Freundinnen haben mich schon oft fertig gemacht, wollten mich sogar mal zu einem ihrer Mädchen-Abende einladen.

Sie meinten, es wäre total aufregend über Jungs zu reden, sich Gurkenmasken ins Gesicht zu schmieren, sich die Nagel pink/rosa zu lackieren, sich zu schminken und sich gegenseitig die Haare zu machen.

Seit sie wissen, dass ich schwul bin, behandeln sie mich, als wäre ich eine Transe.

„Findest du? Lauri in diesem grünen, engen Kleid? Passt er da überhaupt rein?“ Hanna mustert mich.

„Nein, zu dick!“, sagte sie dann.

Jetzt darf ich mich auch noch von meiner Schwester als dick bezeichnen lassen...

 

Ich weiß nicht, wie lange ich mir so was anhören durfte, aber irgendwann ruft Hannas Freund an und bittet sie heimzukehren. Kaum ist Hanna verschwunden, ist auch Siina verschwunden.

Von wegen eingeladen, ich darf jetzt alles bezahlen, was die beiden versoffen haben.

Ich trinke noch mein Bier leer und erhebe mich dann von dem Tisch, bezahle die ganzen Getränke und verlasse dann die warme Bar.

 

Aki

Mein Blick fällt auf die Uhr. Bald müsstest auch du heimkehren, dich beklagen, mir erzählen, mit welchem Gemeinheiten du heute wieder konfrontiert wurdest. Ich kenne es, weiß, dass es nicht viel anders sein.

Jedes Mal liegst du in meinen Armen, schluchzt, beklagst dich in dem Wissen, dass sich nichts ändern wird.

Nichts, aber auch gar nichts.

 

So, wie im Winter hier der Schnee fällt, kann ich voraussehen, was du sagst und tust, wenn du mir gegenüberstehst.

Langsam wird es Zeit.

Lange wirst du es nicht ausgehalten haben. Oder sie ist gegangen. Nie redet ihr lange miteinander, sie trifft dich im Grunde nur, um dich an ihre Existenz und ihre Meinung zu erinnern. Möchte dir verbildliche, dass du nichts weiter bist als eine erbärmliche Minderheit in einer Welt, in der die Mehrheit das Sagen hat.

 

Die Zeiger bewegen sich, ich verharre in der Stille, warte ab, versuche das Geräusch deiner herannahenden Schritte, das Herumdrehen des Schlüssels im Schlüsselloch mitbekommen. Möchte jenen Augenblick nicht verpassen, um dich zu begrüßen, dir zu vergegenwärtigen, dass ich da sei. Möchte, dass du erkennst, dass ich da bin, auf dich warte...

 

Doch diesen Abend sollte es anders kommen. Diesen Abend sollte ich vergeblich warten und das Buch auf dem Wohnzimmertisch würde zum Ende gekommen. Heraus aus der Nervosität, der Unfreiwilligkeit...

 

Lauri

Wie im finnischen Winter es nun so ist, ist es schon stockdunkel hier in Helsinki.

Keine Menschenseele traut sich mehr auf die Straße, die Zahl der Überfälle sind dieses Jahr ziemlich gestiegen und sie wollen alle sicher sein...

In den Armen ihrer Beschützer liegen und wieder schleichst du dich in meine Gedanken. Du bist der, der mich immer tröstet, der, für den ich das alles versuche zu überstehen. Auch diese verdammte Hochzeit werde ich überstehen...

 

Und weiterhin in Gedanken versunken laufe ich durch den kalten Abend, der Schnee knirscht unter meinen Füßen und ich hinterlasse meine Spuren im Schnee.

Ich merke erst jetzt, wie weit ich schon gelaufen bin, bin fast bei uns zu Hause.

 

Doch plötzlich höre ich Schritte hinter mir, ich werde schneller. Und zu meinem Entsetzen werden auch diese Schritte schneller. Schließlich beginne ich zu rennen, auch mein Verfolger wird schneller, keucht, weil ich so schnell laufe. Meine Lunge rasselt, bekomme kaum noch Luft und laufe fast atemlos.

Und plötzlich eine starke, große Hand an meinem dünnen Handgelenk, die mich umwirbelt und ein breiter Körper, die mich schmerzvoll gegen eine harte Steinmauer presst.

 

~***~

Kalt ist es, Eiseskälte lähmt meine Glieder und stillt doch mein tiefes Verlangen nicht. Wieder zieht es mich hierher, auf die Straße, in die Stadt, in die Nähe der Menschen, die so glücklich sind. Unbeschwert, frei, nicht gelähmt, nicht beherrscht von einer unterschwelligen Macht, die mich wieder und immer hierher zurückkehren lässt.

Ich warte, mir ist bewusst, dass das eine Nacht ohne Wiederkehr werden wird. Wieder werde ich mich hinab begeben und mich dem Verlangen beugen, das mich von innen heraus zerfrisst. Warten...

 

Mein Atem kondensiert, der Schnee soll erst am morgigen Tag wieder fallen und die Stadt noch weiter im ewigen Weiß versinken lassen. Weiß, die Farbe der Unschuld. Meine Mundwinkel verziehen sich zu einem Lächeln, der Gedanke daran, diesem weltlichen Symbol zu trotzen, gefällt mir.

Plötzlich vernehme ich Schritte, höre das Knirschen. Jemand nährt sich, geht an mir vorbei, nimmt mich nicht wahr.

 

Die Menschen haben ihr Instinkt für Gefahren längst verloren. Sie nehmen einen nicht mehr wahr. Nehmen nichts mehr wahr.

Ich vertraue diesen Instinkten, habe es immer getan, der Gesellschaft zum Trotz. Wenn ich entgegen meiner längst verlorenen Arbeit einen letzten Stolz besitze, so ist es diese Auflehnung, diese Überzeugung...

 

Bei der Gelegenheit mustere ich mein potenzielles Opfer eingehend. Über zwanzig wird er sein, ansehnlich, nicht besonders kräftig und das ist von Bedeutung. Opfer müssen immer physisch unterlegen sein, ansonsten wären es keine Opfer. Die zweite Regel, die ich befolge ist die der Ungesehenheit. Gesehen werden ist gleichbedeutend mit dem Tod. Meinem Tod. Denn ich bin kein Mörder. Mörder sind brutale Gestalten, die den Menschen das Wichtigste rauben, dass sie besitzen.

Ich hingegen stehle nichts. Ich benutze sie nur für einen Augenblick.

 

Nach kurzer Zeit wage ich mich hervor, folge ihm, freue mich, denn kein Mensch ist unterwegs auf den Straßen.

Bis er plötzlich schneller wird, panisch wird, als auch ich an Tempo gewinne.

 

Dennoch sieht er sich nicht um, fürchtet wohl die Konfrontation. Gut für ihn, es hilft ihm, hilft mir...

Schließlich packe ich ihn, dränge ihn gegen eine Wand, scheinbar habe ich ihn recht eingeschätzt, allzu kräftig scheint er nicht. Vielleicht lähmt ihn auch die Angst. Ich denke nicht weiter darüber nach, sage kein Wort.

Er keucht nur leise auf, scheinbar schmerzt es ihn, doch ich zügele mich nicht, bin voller Vorfreude, verziehe erneut für einen Moment mein Gesicht zu einem Lächeln, erst dann nehme ich seine Hände in eine Hand und stelle mit Genugtuung fest, dass kein Widerstand besteht.

 

In die Augen sehe ich ihm nicht, möchte nicht hineinschauen, mich der Angst und dem um Gnade winselnden Blick gegenüberstellen, ziehe es vor, ihn zu ignorieren, mir vorzustellen, dass das hier nicht viel mehr ist al eine Art Theaterstück. Ein Schauspiel.

Mit der freien Hand wandere ich an seinem Körper herab, versuche mit etwas Mühe den Knopf an seiner Hose zu öffnen. Es gelingt, zu oft habe ich es schon gemacht, als dass mir hier ein Fehler unterlaufen könnte.

Scharf zieht er die Luft ein, beginnt nun zu zittern, scheinbar versteht er... oder er glaubt es zumindest. Einige verstehen es nie, andere verstehen sofort und wieder andere erst nach einiger Zeit.

Nur wenige Sekunden dauert es, bis seine Hose geöffnet ist und zu Boden fällt, während ich mich inzwischen der eigenen Hose zuwende, sie mit zwei kurzen Handgriffen fallen lasse. Routine, Gewohnheit, wie man es auch nennen mag. Wie eine Arbeit, die immer wieder getan wird.

Anschließend betrachte ich für einen Augenblick seine Boxershorts, schlicht schwarz, lassen keine Vermutungen zu. Auch diese entferne ich langsam, allerdings erst, nachdem ich ihn umgedreht habe und er mir nun den Rücken zuwendet. Es ist besser so. Einfacher, simpler, ein Schritt hin zu unserem Ziel...

 

Lauri

Der Unbekannte drückt meine Hände hoch an die Wand, scheint sich für meine Schmerzen nicht zu interessieren. Als seine Hand an meiner Hose hantiert, weiß ich was er will. Er ist kein Anfänger, er ist ein Triebtäter und schneller als ich denken kann, spüre ich die harte Wand an meiner Wange, ein starker Körper der mich an die Wand presst. Ängstlich wimmere ich auf, merke wie mein Körper vor Angst zittert.

 

Sein Schritt ist an meinem nackten Hintern zu spüren, er ist nicht erregt...

Ich hoffe, er wird nicht erregt, vielleicht lässt er mich dann in Ruhe...

Aki, bitte, komm! Ich hab so Angst! Dein Gesicht in meinen Gedanken lässt mich in Tränen ausbrechen. Immer mehr Panik kommt in mir hoch, sehe schon nicht mehr klar. Spüre nur den warmen Atem an meinem Ohr, er wartet bis er erregt wird...

 

Nach einer Zeit wird er ungeduldig, ich merke, dass er nicht erregt wird...

Er scheint noch nie einen Mann als Opfer gehabt zu haben, habe dennoch Angst, dass er sich jedoch erregen und seine Tat vollbringen könnte.

Ich hätte vorsichtiger sein, nicht so gedankenverloren durch die Gegend schauen sollen.

 

Ein starker Luftzug kündigt sich an, als ich wieder von der Wand weggedreht werde. Schmerzhaft schürft die Wand mit dabei die Wangen auf, auch meine Nasenspitze wird aufgeschürft und brennt höllisch...

 

~***~

Scheinbar ist es doch zu kalt heute, innerlich verfluche ich den Winter, der mir heute zu Anfang einen Strich zu machen scheint durch meine Routine. Nichts geschieht, mein Opfer zittert, hofft wohl darauf, freigelassen zu werden. Doch so einfach werde ich es ihm nicht machen, denn auch diese Problematik kennt ihre Lösung. Zwar wende ich sie nicht allzu oft an, doch an Tagen wie diesen scheint es nötig.

Wieder drehe ich ihn zu mir um, sehe die Abschürfungen im Gesicht, kümmere mich dennoch nicht darum, diese Wunden werden bald verheilen.

Zum ersten Mal richte ich seit geraumer Zeit einige Worte an ihn, die ihm unvermissverständlich zu verstehen geben, was er zu tun hat: „Knie dich hin und nimm ihn in den Mund!“

 

Er zittert, tut aber wie geheißen. Menschen sind Befehlsempfänger, wie die Hunde, wären hilflos ohne jemanden, der ihnen sagt, was sie tun sollen. Ein zielloses Leben erscheint unheimlicher als dieses Geschehnis hier.

„Mach schon“, dränge ich ihn, meine eine Hand hält weiterhin seine Hände, meine andere krallt sich in seine Kopfhaut. Ich habe schließlich nicht die ganze Nacht Zeit, doch er zögert und... beginnt dann doch.

Unerfahren ist er nicht, stelle ich nach kurzer Zeit fest, er weiß, was er tut, selbst, wenn die Furcht und die nach außen getragene Abneigung sein Tun ein wenig Überschatten. Nach kurzer Zeit ist es soweit und ich ziehe ihn erneut hoch, drehe ihn ein weiteres Mal um, drücke ihn gegen die nahe Wand.

 

Trügerische Stille, dann ein lauter Schrei. Er legt seinen Kopf in den Nacken, schreit vor Schmerz und ich habe ein klein wenig Mitleid mit ihm, weiß, wie sehr es schmerzt, wenn man selbst nicht in Euphorie schwelgt und vollkommen unvorbereitet ist.

Doch wenig später verdränge ich jene Gedanken, hier und jetzt ist nicht der Ort, um darüber nachzudenken, das kann ich auch später tun. Oder vielleicht auch nie, je nachdem...

 

Sein Schrei gefällt mir, er verkrampft sich zunehmend, beschert sich ein schnelleres Ende des Vorganges. Jeder Stoß ein Schrei, jeder Schrei eine Beförderung, ein Schritt näher dem Olymp.

Die Verzweiflung, die Tränen, allein das ist es mir schon wert. Die Macht, das Machtgefühl, das sich mit der Ekstase zu messen weiß...

 

Lauri

Schmerzen, höllische Schmerzen machen sich in meinem gesamten Körper breit. Meine Schreie scheinen ihn nur noch mehr zu erregen, ihn fast in den Wahnsinn zu treiben.

Mein ganzer Körper schmerzt, ich habe das Gefühl von innen zu verbrennen, habe das Gefühl mein Blut sei Benzin, das in Feuer gegossen wird.

 

Immer mehr Schreie verlassen meinen Mund. Schreie, die meine Stimmbänder nicht gewohnt sind. Denn ich habe noch nie geschrieen, sie sind nur an das Singen gewöhnt, an die sanften und rauen Töne, an den Klang, der so viele Leute in ihren Bann zog und zum Zuhören zwang. Dessen Klang aus einfachen, dennoch ehrlichen Texten bestand. Doch plötzlich zerbricht alles in mir...

Doch, ich hatte einmal geschrieen, aber nicht so wie jetzt. Noch nie so schmerzvoll, so gepeinigt wie jetzt.

Damals hatte Hanna mich fast für den Text von P.S. zusammen geschlagen. Und nun peinigt der Kerl mich und meine Stimme. Bringt meinen Stimmbändern neue Töne bei, laute, schmerzvolle und gequälte. Er bringt mir so viel Schmerz...

 

Plötzlich scheint er zu meinen, meine Schmerzen würden nicht reichen. Schmerzhaft packt er meine Haare und zieht meinen Kopf nach hinten, starrt in meine weit aufgerissenen Augen, aus denen die Tränen der Angst, der Schmerzen und der Peinigung nur so herausquellen. Er hält innen und starrt mir in die Augen.

 

~***~

Reiße seinen Kopf zu mir, sehe ihm in die Augen. Einen Augenblick, den einen Augenblick nur. Der Moment, in dem sich die Reize ins Unerträgliche steigern, die Ekstase ihr Ultimatum erreicht und jene verlorenen Kinder sich mit seinem Blut vereinen. Sie werden eins, bilden eine Einheit, erfahren für einen winzigen Augenblick das Leben, das sie niemals leben werden.

Seine Augen verengen sich zu Schlitzen, ich lese den Schmerz, die tiefe Abneigung aus ihren Pupillen heraus, doch dieses Mal schreit er nicht, schweigt stattdessen.

Brutal ziehe ich mich zurück, höre ihn vor Schmerz aufstöhnen, sehe zu, wie er seine Augen schließt und zu Boden sinkt, als ich meinen Griff lockere und ihn schließlich ganz loslasse. Eine Gefahr ist er nun nicht mehr für mich. Ich kenne sie genau, sobald es vorbei ist, werden sie ruhig, noch kraftloser, sind nur noch Schatten ihrer Selbst. Genug Zeit, um mich des Blutes zu entledigen, es ist kein schönes Gefühl, wenn der Lebenssaft eines anderen noch an der eigenen Haut verweilt, auch darf ich nicht allzu viele Spuren hinterlassen. Obwohl er vermutlich nicht zur Polizei gehen wird. Kaum einer tut das. Keiner von ihnen möchte zugeben, sich nicht gewehrt zu haben, möchte die Hilflosigkeit nicht eingestehen.

 

Ich ziehe meine Hose hoch, schließe sie und werfe einen letzten Blick auf ihn. Vermutlich werde ich ihn nicht wiedersehen. Wie Tod liegt er im Schnee, halbnackt, bewegungslos und doch sehe ich, dass er noch lebt. Sterben wird er nicht heut Nacht, außer er bleibt hier liegen und erfriert.

„Vielen Dank“, sage ich zu ihm gewandt und drehe mich um, gehe von dannen.

Es ist kalt heut Nacht, wirklich kalt. Vielleicht sollte ich bis zum Frühling warten. Inständig hoffe ich, dass das Verlangen mich bis zum Frühling unbehelligt lässt.

 

Aki

Die Zeit vergeht, aber vielleicht steht sie auch still, nur merken wir das nicht. Wir Menschen haben die Zeit messbar gemacht, ihr eine Form, eine Einheit gegeben. Und doch ist sie nicht greifbar, nicht endlich und auch nicht unendlich. Seit wann gibt es sie? Seit wir sie „erfunden“ haben? Das vermag ich nicht zu bestimmen...

Du bist nicht hier, hättest längst hier sein müssen. Vergeblich warte ich seit Stunden, die Uhr bewegt sich gen Morgen und die Stille ist erdrückend.

Hast du dir wegen deiner Schwester die Kante gegeben? Ist etwas anderes geschehen, das sich nicht berechnen ließ?

 

Immer kann etwas geschehen, immer kann unser festgelegter Ablauf aus dem Ruder laufen. Ob nun mit kleinen oder mit unvorstellbaren Abweichungen. Wir denken lieber nicht daran und ich mache mir meine Gedanken, was wäre, wenn in zwei Minuten die Tür klingelt, ich sie öffne und dort zwei unbekannte Menschen stehen. Der eine wird mich ansehen, mir einen Ausweis zeigen, der mir mitteilt, dass es sich um Polizisten handelt. Dann werde ich begreifen, dass etwas geschehen ist.

Vielleicht werden sie sich dann erkundigen, ob sie eintreten dürften, woraufhin ich ihnen den Zutritt gewähre. Auf dem Sofa werden wir dann sitzen, schweigen, bis einer von ihnen das Wort ergreift: „Es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber... Herr Ylönen ist leider Opfer eines Verbrechens geworden und somit... tot.“

Werden sie zögern, das letzte Wort auszusprechen? Werden sie es versuchen zu umgehen? Und dann... was wird dann sein?

Werde ich dann schweigen? Werde ich dann schreien und aufspringen? Werde ich dann weinen? Ich weiß es nicht, möchte es nicht wissen. Aber diesen Augenblick fürchte ich.

 

Doch nichts geschieht. Niemand klingelt. Es bleibt still. Oder doch nicht? Leise Schritte ihm Schnee, nähren sich nur sehr langsam... wer mag das sein?

 

Lauri

Kalt...

Mir ist kalt...

Mein Körper ist kalt...

Alles ist kalt...

 

Voller Schmerz drehe ich meinen Kopf, versuche meine Hose mit meinen Augen zu erhaschen...

Da liegt sie... Sieht aus wie unberührt... Aber sie ist es nicht, sie trägt nicht den Pein mit sich. Nein... Mein eigener Körper ist ein einziger Pein... Kraftlos ziehe ich sie zu mir, ziehe sie mir unter qualvollen Schmerzen an...

 

Ich höre die Schritte des Kerls noch in der Nähe... Er scheint öfters stehen geblieben zu sein...

Ob er noch einmal...?

Fest kralle ich mich an die leicht blutverschmierte Wand und ziehe mich an ihr hoch, wanke gefährlich und stolpere gegen die Wang gegenüber...

Ich will hier nur noch weg, nur noch mich, meinen Körper und diese Schmerzen vergessen!

 

Wie betrunken torkele ich aus der Gasse, sehe nur Umrisse und krache schmerzhaft gegen die nächste Hauswand. Da steht er... Er hat mich gehört... Meine Beine zittern, mein Körper schreit nach Erlösung, meine Seele will sterben...

 

Tausende Fragen schwirren durch meinen Kopf...

Warum ich?

Habe ich es verdient?

Werde ich daran zerbrechen?

Werde ich dich wieder sehen?

Wirst du mich noch lieben können?

Habe ich es verdient von dir geliebt zu werden?
Habe ich es eigentlich verdient zu leben...?

 

All diese Fragen werden wie Blätter vom Wind weggeblasen, als „er“ plötzlich auf mich zukommt...

Nein, bitte nicht... Lass mich in Ruhe...

Leise wimmere ich auf, der Schmerz ist so qualvoll...

Er soll mich in Ruhe lassen!

Er soll mich von dannen ziehen lassen!

Er soll mich nicht mehr anfassen...

 

~***~

Abwartend, vorsichtig verlasse ich den Ort des Geschehens, höre, wie er sich nach einiger Zeit rührt, scheinbar geht es ihm doch noch relativ gut. Anscheinend ist er zäher, als er augenscheinlich wirkt.

Im nächsten Moment drehe ich mich um, gehe ein paar Schritte zurück und erblicke ihn, steht kaum noch auf den Beinen, wimmert, erkennt er mich? Wohl kaum, zu glasig erscheinen seine Augen.

Er zuckt zusammen, fürchtet mich, würde vermutlich lieber sterben, als noch einmal das zu erleiden, was ich soeben mit ihm anstellte.

Es belustigt mich, bringt mich zum Lächeln, lässt die Freude in meinem Inneren aufkeimen. Diese Macht. Diese Furcht, dieser Respekt, der dem Menschen angemessen ist. Wie ein verschrecktes Tier, dem Todeskampf nahe steht er dort und wünscht sich vermutlich den Tod. Vielleicht stellt er auch nur Fragen und versteht nicht.

Ich verstehe auch nicht, man muss nicht immer verstehen, um zu begreifen.

 

Tatsachen ohne Grund. Ohne Denken. Sind einfach.

Ich lache leise, er zuckt zusammen, als er meine Stimme vernimmt. Doch ich lache nur, lache und drehe mich erneut um, um zu gehen. Denn nicht nur das Verlangen hat mich diese Tat begehen lassen. Das Verlangen könnte ich auch anders stillen. Es ist viel mehr, es ist der tiefe Wunsch, dem Leid gegenüberstehen, die Freude, die mit dem Schmerz der anderen verbunden ist.

Sie leiden. Ich habe auch gelitten. Ich habe bezahlt und nun bezahlen sie. Eine einfache mathematische Rechnung.

 

Aus der Ferne sehe ich zu, wie er nach einiger Zeit aus der Gasse herausschwankt und sich auf den Weg macht. Ob sein weg noch lang ist und er ankommen wird? Im Grunde nicht von Relevanz. Nachdem er sich meines Blickfeldes entzogen hat, gehe auch ich endgültig. Wiedersehen werde ich ihn wohl nicht mehr...

 

Lauri

Ich beginne zu flüchten... Vor diesem Psycho zu flüchten...

Laut knirscht der Schnee unter meinen Schuhen, lässt mich immer wieder zusammen fahren, an die seinen Schritte denken...

 

Es ist schon fast hell als ich mich der Wohnung näher... Meine Schritte werden immer langsamer und träger, ich bin müde, will einfach nur schlafen und nie mehr erwachen, diese Schmerzen, die mich immer noch quälen endlich vergessen, wieder in Frieden leben können...

 

Endlich komme ich an der Haustür an, lehne mich keuchend gegen sie. Ich bin mit meinen Kräften am Ende, mein Körper schmerzt, meine Augen schmerzen. Sie müssen ganz verquollen und rot sein, vielleicht sogar wundgeweint. Und meine Nase fühlt sich taub an, sie brennt, wie meine Wangen. Die Schürfwunden brennen durch meine salzigen Tränen nur noch mehr auf meiner Haut, in meiner Seele. Schließlich trete ich in das Wohnhaus, ziehe mich am Treppengeländer zu unserer Wohnung herauf und krache lautstark gegen unsere Tür.

Meine Finger erwischen die Klingel, ehe ich kraftlos an unserer Tür zusammensacke.

 

Aki

Schritte, ein Krachen, das Geräusch der Klingel und ich springe auf. Wer mag das sein? Du? Die Polizei? Ich möchte lieber nicht an das Letzte denken, verlangsame meine Schritte ein wenig, zögere, als ich vor der Tür stehe. Langsam, unendlich vorsichtig öffne ich sie, als ich dich jedoch erblicke, am Boden liegend, beschleunige ich und reiße die Tür geradezu auf.

Was ist geschehen, dass du vor unserer Tür zusammenbrichst?

Ich mustere deine Gestalt, deine Kleidung ist schmutzig, dein Gesicht weist Abschürfungen auf und eine kleine Wunde zeichnet sich auf der Kopfhaut ab. Wurdest du verprügelt? Haben sie dir wieder aufgelauert?

 

Zwar ist es schon länger her, aber damals hatten sie dich verprügelt mit vier Leuten, hatten dir gezeigt, was sie vom Rand der Gesellschaft halten. Damals hättest du fast aufgegeben, warst vollkommen verzweifelt. Doch was ist heute geschehen?

Vorsichtig, ein wenig ängstlich, hebe ich dich auf und trage  dich ins Schlafzimmer. Bei Bewusstsein bist du nicht, jedoch atmest du regelmäßig und auch dein Puls vermag ich noch zu fühlen, nachdem ich dich auf unserem Bett abgelegt habe. Ob du innere Verletzungen davongetragen hast und ins Krankenhaus musst?

 

Behutsam entledige ich dich deiner Kleidung, erkenne einige, weitere Hämatome, die Arme und Beine zieren. Deine Boxershorts wirken durchnässt und auf den zweiten Blick erkenne ich das Blut, das durchsickert und den Stoff der Bettdecke tränkt, auf der du liegst. Was ist geschehen? Kann es sein, dass...? Doch ich denke nicht weiter, lege deine Kleidung beiseite und entledige dich nun der letzten Kleidungsstücke.

 

Der Anblick, der sich mir nun bietet ist erschreckend. Blut. Wunden und noch mehr rote Farbe, die die Bettdecke langsam aber sicher durchtränkt. Ob sich das noch entfernen lässt, frage ich mich für einen Augenblick, doch dann starre ich dich weiter an. Vermag nichts zu unternehmen, nichts zu tun, stehe einfach nur vor dir, starre dich an, sehe die Wunden, das Blut und erkenne die weiße Masse, die noch zu Teilen erkennbar ist.

Meine unterschwellige Vermutung bewahrheitet sich und dennoch wage ich es nicht, meinen Verdacht auszusprechen.

 

Plötzlich ein Stöhnen, eine Bewegung, du erwachst aus deiner Bewusstlosigkeit. Was jetzt, frage ich mich. Doch im nächsten Moment kehrt mein Instinktbewusstsein zurück und ich suche nach dem Verbandskasten, den du irgendwann einmal im Badezimmer deponiert hast. Hätte nicht vermutet, ihn irgendwann einmal wirklich zu benötigen, doch jetzt ist der Zeitpunkt gekommen und ich renne schnellstmöglich zurück ins Schlafzimmer zu dir. Du, der du mich nun ansiehst, anstierst. Doch was soll ich dir nun sagen?

 

Lauri

Schmerzen bringen mich ins Bewusstsein zurück.

Für ein paar Sekunden frage ich mich, wieso ich Schmerzen habe, aber die Erkenntnis, dass du vor mir stehst, mit einem Verbandskasten in der Hand, mich anstarrst und ich hier nackt in meinem Blut liege, macht mir klar wieso. Tränen treten nun wieder aus meinen Augen aus, es tut weh.

 

Ich weiß nicht was mehr weh tut, meine Seele, dass du mich so sehen musst oder das Jod auf meinen Wunden...

Denn du hast wortlos begonnen, dich um meine Verletzungen zu kümmern, sie zu desinfizieren und zu reinigen, ihnen Verbände und Pflaster zu verpassen. Ob du ahnst, was mir passiert ist?

Oder weißt du es richtig, ahnst es nicht mehr?

 

Wortlos ziehst du mich nun an, scheinst mein Zittern zu ignorieren. Ich habe Angst vor jeder Nähe, auch vor deiner...
Also entziehe ich mich diese und flüchte zitternd an das andere Bettende und weine vor mich hin, bin nur noch eine Hülle für eine zerstörte Seele.

Nun bin ich endgültig „kaputt“.

 

Aki

Zitterst, spüre deine Furcht, sehe das Entsetzen in deinen Augen, doch Worte finde ich nicht, um meine Gedanken, meine Gefühle zu beschreiben oder dir zu helfen. Vielleicht brauchst du jemanden, der dich in den arm nimmt und dir sagt, dass alles gut sei und dass es wieder gut werden würde. Doch glaubst du daran? Glaube ich daran? Kann ich das?

Mir fehlen einfach die Worte, mir fehlt es an zuviel, als dass ich dir jetzt helfen könnte.

 

Kaum habe ich geendet, flüchtest du, entziehst dich meiner Gegenwart und sitzt zitternd am anderen Ende des Bettes und... weinst.

Es schmerzt, deine Tränen zu sehen, es schmerzt zu sehen, wie du mir entfliehst. Noch immer spreche ich kein Wort, bringe stattdessen den Kasten zurück ins Bad und hole ein wenig Tee, der sich noch von vorhin in der Thermoskanne befindet. Ich gieße ihn in deinen Becher und kehre zurück, setze mich in deine Nähe und halte dir den Becher vor die Nase.

Keine Reaktion. Weiter laufen stumme Tränen deine Wangen herab, tränken den Stoff deiner Kleidung mit ihrer Flüssigkeit und du kauerst dich noch ein wenig mehr zusammen, als würdest du mich fürchten.

Vielleicht fürchtest du mich auch.

 

Dieser Gedanke trifft mich wie ein Schlag, ich ziehe meine Hand zurück und stelle den Becher auf deinem Nachttisch ab.

Was soll ich tun?

Was tun andere an meiner Stelle?

Mir fällt nichts ein.

Stumm bleibe ich sitzen und lausche deinen Schluchzern, fühle mich leer und hilflos und müde. Am liebsten würde ich jetzt aufstehen und gehen, einfach verschwinden, um deiner Trauer nicht mehr beiwohnen zu müssen. Was ist geschehen? Nein. Warum ist es geschehen?

 

Keine Antwort, nur ein monotones Schluchzen aus deiner Richtung. Ich drehe mich zu dir, blicke dich an, du siehst nicht auf.

„Was ist geschehen?“, frage ich, obwohl ich die Antwort längst kenne. Warum frage ich dann? Habe ich noch nicht begriffen?

 

Lauri

Deine Frage schneitet sich in die Stille wie eine heiße Messerklinge sich in Butter schneidet. Weißt du die Antwort nicht schon? Willst du mich quälen? Mich zu der Erkenntnis bringen das ich nur noch eine Hülle bin, für eine Seele die Schmerzen hat, sich nie mehr richtig erholen wird?!

 

Ich will alleine sein, heute, für immer. Ich will nicht mehr das wissen, was du wissen willst! Ich will es einfach nur vergessen! Und ich will nicht mehr raus, nicht mehr die Wohnung oder ähnliches verlassen! Einfach keinen Tag mehr durchleben, weinen und alleine sein. Und ich werde auch nie mehr das sein, was ich mal war.

Daran ist er und nur er schuld! Ich will nicht mehr. Alles ist gegen mich, jeder ist gegen mich!
Ich will keine verdammte Freundlichkeit mehr geben, wenn ich sie nicht zurück bekomme! Ich bin leid es zu tun! Mich extra für alles zu verstellen!

 

Ich habe Angst vor morgen, vor übermorgen und die Tage darauf. Ich habe Angst den Tod kennen zu lernen, dabei fand ich den Tod doch früher so schön...

Ich will nicht mehr! Ich kann nicht mehr!

 

Ist es noch von Bedeutung, dass ich um dich kämpfen würde? Ich habe für dich gekämpft, für uns gekämpft und will jetzt nur noch einfach in meinen Schmerzen ertrinken!

Ich will nicht mehr ich sein, keine Schmerzen mehr haben und alles vergessen...

 

Schon fast apathisch wippe ich vor und zurück, weine und schluchze weiter...

 

Aki

Du zuckst zusammen nach meinen Worten und schweigst. Ich sehe es dir an, du bist am Ende. So sehr dich die Sticheleien immer auch getroffen haben mögen, es ist kein Vergleich hierzu. Sehe es dir an, du bist nicht mehr bei Sinnen, bist nicht mehr in der Lage, jetzt klare Entscheidungen zu treffen.

Aber was tue ich?

Am besten wäre es, zur Polizei zu gehen, ins Krankenhaus, zum Psychologen... doch du wirst es nicht wollen. Darf ich mich dir entgegenstellen? Darf ich dich zwingen, weil ich weiß, dass es sonst womöglich aus sein wird? Fixiere dich mit meinen Augen, denke nach.

 

Mir fällt ein, dass du immer betont hat, du würdest zu mir stehen. Erinnere mich auch an den Augenblick, in dem du voller blauer Flecke heimkamst und meintest, dass du nicht mehr wolltest, nicht mehr könntest. Es hat lange gedauert, dich wieder aufzubauen, dir zu sagen, dass du nichts dafür könntest, dass wir nicht einfach aufgeben könnten.

Davon war ich immer überzeugt, auch jetzt noch.

Wer auch immer dir das angetan hat verdient den Tod. Was denken solche Menschen? Kennen sie den Schmerz, den es verursacht, dich hier weinen zu sehen? So verzweifelt, so durcheinander, so von Sinnen?

 

Verdient ein Mensch den Tod? Würde es dir besser gehen, wenn du stirbst? Beobachte die Tränen, die deine Wangen herablaufen, der Kampfgeist in deinen Augen ist erloschen, stumpf blicken sie in eine graue Welt.

Und was ist mit mir? Kann ich das ansehen oder dir helfen?

Ein kleines Stück rücke ich dir näher und für einen Augenblick siehst du auf.

 

„Soll ich dich allein lassen?“, frage ich, eine sinnentleerende Frage, denn ich werde dich nicht allein lassen. Bist unberechenbar, ich kann dich nicht allein lassen. Ist das Liebe oder Egoismus? Ich verdränge den Gedanken, sehe dich stattdessen fragend an.

 

Lauri

Schwach schüttele ich mit meinem Kopf.

DAS war ein Fehler, er brummt total. Weinend und völlig am Ende halte ich mir den Kopf.

Wie lang wird es dauern, bis ich wieder vertrauen zu dir habe?

Wie lang werde ich mich vor der Öffentlichkeit verstecken?

Wie lang halte ich es ohne frische Luft aus...?

Ich weiß es nicht und im Moment scheint nur der Schmerz zu zählen.

 

Langsam lasse ich mich in die Kissen sinken, lege die Hand neben meinen Kopf auf das Kissen und beginne zu erzählen:

„Hanna heiratet ihren Freund. Ich soll Trauzeuge sein, damit ich auch mal eine Hochzeit erlebe... Und dann kam eine Freundin von ihr, Siina und meinte, ich sollte doch lieber die Brautjungfer seinen... Aber Hanna meinte, ich wäre zu dick für das Kleid...“

 

Im Moment lasse ich den unangenehmen Part einfach in der Stille liegen, kralle mich leicht in das Kissen unter meiner Hand. Ich werde es dir nicht SO erzählen können, wie ich es eben getan habe. Ich werde weinen, schreien, schluchzen, schimpfen und was weiß ich alles...

Ich spüre es...

Spüre ein leichtes Ziehen in meinem Bauch.

Tut weh.

Alles.

Seele.

Körper.

Ich.

 

Aki

Ich lausche deinen Worten und fixiere dich auch weiterhin mit meinem Blick. Ansehen tust mich nicht und ich höre schweigend dem Anfang deiner Erzählung zu, denke daran, Hanna die Schuld an allem zuzusprechen. Ihr und ihrer verdammten Intoleranz, fertig macht sie dich jedes Mal. Und jedes Mal könnte ich sie dafür nur wieder betrafen oder umbringen, wie auch immer. Leiden sollte sie, deinem Leid ausgesetzt sein.

Würde sie dann noch immer hämisch lachen?

 

Doch im Grunde trägt nicht sie die Schuld, sie ist ein Problemfaktor, dennoch nicht der Grund für deine Blessuren und dein seelisches Leid. Die Schuld trägt ein anderer, ein Unbekannter, jemand, der in meinen Augen den Tod verdient und nicht existieren dürfte.

Den Tod verdient...

Verdient jemand den Tod, der es gewagt hat, die menschlichen Grenzen zu übertreten?

Ich sehe dich an, dein schmerzverzerrtes Gesicht und treffe eine Entscheidung: Dieser Mensch hat den Tod verdient.

 

Erzählen tue ich nicht von meinen Gedanken, frage mich nur, ob du mir beipflichten würdest... oder würdest du dem ablehnend gegenüberstehen?!

Plötzlich setzt du wieder an, setzt deinen Bericht fort, sprichst leise, als hättest du Angst, jemand könnte uns belauschen.

Obwohl der Gedanken etwas Absurdes an sich hat. Niemand ist hier außer dir und mir.

 

Erzählst mir, deine Schwester sei irgendwann gegangen und auch du hättest deinen Heimweg angetreten. Dann die Schritte hinter dir auf dem Asphalt, deine Panik und...

Ein Teil, den ich womöglich nie hören wollte. Etwas, das mich innerlich zusammenzucken lässt.

„Und dann...?“, erkundige ich mich, meine Stimme zittert nicht, obwohl eine gewisse Unsicherheit in ihr mitschwingt.

 

„Dann...“, beginnst du.

 

Lauri

„Dann... Dann hat der Kerl mich gepackt ... und... und vergewaltigt...“ Ein lautes Schluchzen verlässt meine Kehle, Tränen folgen.

Nur wegen ihm leide ich!

Einem Kerl der seine Lust nicht zügeln konnte.

 

„Er... Er... war erst nicht... nicht erregt... ich... ich musste ihm...“ Ein weiteres Schluchzen schüttelt meinen Körper, bringt mich nur noch mehr zum Zittern...

Am liebsten würde ich sterben...

Meine Schluchzer durchbreche ich mit einem Würgen. So ekelhaft war es, ich will nicht...

Ich will einen neuen Körper, eine neue Seele... Ich fasse mir an den Hals und versuche das Würgen zu unterdrücken... Schwach sinke ich zurück...

 

„Ich musste ihn... erregen... und dann... hat er...“ Ich breche ab, da du verstehst...

Ich strecke leicht meine Hand nach dir aus.

Fühle mich zerbrochen, gepeinigt.

Bin zerbrochen und gepeinigt...

Werde es für den Rest meines Lebens sein...

Will aber das Vergessen lernen...

Will es vergessen... oder sterben...

 

Ein Zittern fährt durch meinen Körper, lässt mich wimmern und meine Hand nur noch weiter dir entgegen strecken...

Hilf mir doch Aki...

Bitte...

 

Aki

Komme dir entgegen, greife nach deiner Hand und nehme dich im nächsten Augenblick in die Arme. Erst ein Zittern, dann die Ruhe und schließlich ein lautes Schluchzen. Der nächste Weinkrampf hat dich gepackt und lässt dich in meinen Armen zusammenbrechen.

Krallst dich in meine Kleidung, sehe zu, wie die Tränen in Strömen deine Wangen herabfließen, wieder und immer wieder, wollen nicht enden.

Braucht keine Worte, dein Leid, der Schmerz und diese grausame Tat irgendeiner Person. Einer bestimmten Person.

 

Und wie du jetzt in meinen Armen liegst und weinst, wie ich an jene Kreatur denke, so drängt sich in mir folgender Wunsch auf: Selbstjustiz.

Vielleicht bin ich der Falsche, um darüber zu entscheiden und vielleicht gäbe es jetzt wichtigere Gedanken. Doch um dir zu helfen brauche ich irgendein Ventil, etwas, das die aufgestauten Gedanken und Gefühle auf sich nimmt.

Schließlich muss ich dir zur Seite stehen, helfen und bei dir sein.

 

Ich weiß nicht, wie viel Zeit es kosten wird, dich einigermaßen wieder herzustellen. Wird es niemals aufhören? Bald? In einiger Zeit? Womöglich solltest du dir wirklich Hilfe von außerhalb suchen, schließlich bin ich kein Psychologe, nur ein unwissender, verwirrter Mensch.

 

Dennoch war mein Verstand nie so klar wie in diesem Augenblick, indem ich mich entschied.

 

Lauri

Irgendwann falle ich in einen tiefen Schlaf...

 

Ich stehe vor dem Dom in Helsinki und die Glocken des Doms spielen ein Klagelied... Für mich?

Die ganzen Straße sind leer, dunkel und verscheint. Ich schließe meine Augen und lausche dem Lied der Glocken...

Doch plötzlich vernehme ich Schritte im Schnee und reiße meine Augen auf. Schnell fahre ich um und erstarre als ich „ihn“ sehe...

Dieses dreckige Grinsen ist fest in seinem Gesicht und er kommt mit immer schnelleren Schritten auf mich zu.

Ich beginne zu rennen, einfach in eine Straße rein. Er folgt mir und überall Mauern und Schnee. Laufe dort und hier, komme mir vor wie in einem großen Irrgarten.

 

Das irre Lachen dringt durch ganz Helsinki und endet nicht! Bitte nicht!

Ende doch!

Plötzlich bin ich in einer Sackgasse gelandet und fahre rum um vielleicht noch zu entkommen...

Nein...

Da steht er...

Grinst...

Er kommt mit langsamen Schritten auf mich zu, beginnt seine Hose zu öffnen...

NEIN! Bitte!!! Ich schreie auf und sitze kurz drauf senkrecht im Bett.

 

Aki

Unruhig wälzt du dich hin und her, bis schließlich ein lauter Schrei ertönt und du aufrecht im Bett sitzt. Auch ich springe nun auf, ziehe die verängstigte Gestalt in meine Arme, streiche dir sanft und beruhigend über den Rücken.

Für einen Moment weiten sich deine Augen, scheinst nicht zu registrieren, wer dich hier umarmt, doch dann... etwas später beruhigst du dich und lässt dich auf die Umarmung ein.

 

In diesen Augenblicken frage ich mich, ob ich dir nicht vielleicht zu nahe trete, womöglich Grenzen übertrete, die ich nicht hätte übertreten sollen. Doch du sprichst keinerlei Widerworte, vielleicht gibt es keine oder du fürchtest sie mehr als meine Berührungen, die ich nicht einzusetzen weiß.

Soll ich vorsichtig sein oder denkst du dann, ich würde mich distanzieren? Erkennst du die Hilflosigkeit, die mich plagt?

Siehst du die Unsicherheit? Spürst du sie?

 

Doch erreichen mich deine Worte nicht, über deine Gefühle und Gedanken mir gegenüber, schweigst du dich aus. Wahrscheinlich musst du erst einmal begreifen und dich ein wenig ausruhen, immerhin ist es noch nicht lange her.

 

Deine Kleidung, die du bei der Tat trugst, habe ich in einen Plastiksack getan, denke nicht, dass du sie noch einmal sehen möchtest. Aber vielleicht hilft sie, solltest du jemals zur Polizei gehen wollen.

Zur Polizei gehen? Vermutlich würdest du dort nur auf Ablehnung und Zweifel stoßen, wieder würden sie in deinen Wunden herumstochern und schließlich würde diese Kreatur nur kurze Zeit aus dem Verkehr gezogen werden. Unser Rechtssystem und seine Mängel sind mir durchaus geläufig.

 

Lauri

Langsam, sehr langsam beginne ich mich zu beruhigen...

„Bitte, gib mir Stift und Zettel...“, bettele ich dich leise an. Ich will das Gesicht des Kerls aufzeichnen, bevor ich es wieder aus meinem Kopf verbanne.

 

Schnell holst du mir einen Stift und ein Stück Papier. Ich beginne den Kerl aufzuzeichnen, kann mich an jedes verdammtes Detail erinnern...

 

Ich schreibe noch dazu wie groß er etwa war und wie seine Stimme klang...

Kalt, höhnisch, aufgegeilt...

 

Wieder diese Stimme in meinem Kopf, unterdrücke das Würgen und werfe mich lieber weinend in deine Arme...

 

Sekunden, Minuten, Stunden und Tage vergehen. Ich weiß nicht wie ich mich verhalten soll, ob ich zur Polizei sollte...

Ich habe in den ersten Tagen nichts gegessen und nun rühre ich ein wenig in meiner Suppe. Du hast sie mir gekocht, also stecke ich mir einen Löffel in den Mund. Meine Erinnerungen sind nicht mehr so schlimm, dennoch zerbrechen sie mich immer und immer wieder...

 

Aki

Ein wenig hast du dich inzwischen beruhigt, eine Woche nach der verhängnisvollen Nacht isst du endlich wieder etwas und auch deine Anfälle von Panik nehmen ab. Immer öfter wagst du dich aus dem Schlafzimmer hervor und am gestrigen Tag warst du gar mit mir einkaufen. Dennoch sehe ich, dass es dich weiterhin beschäftigt und beherrscht.

Das Bild, deine Zeichnung bewahre ich auf, sehe sie mir abends an und bin voller Hass auf jene Kreatur, jenes Wesen, das dir so zusetzte.

 

Ein wenig befremdet sie mich, die zunehmende Normalität und ich beginne mich zu fragen, ob es irgendwann verdrängt und vergessen sein wird. Sich einfach so auflöst, dahinschwindet und uns ohne Erinnerung zurücklässt.

Dennoch ist es noch zu früh, um solche Gedanken zu hegen. Andererseits fürchte ich mich davor, fürchte mich vor dem Vergessen, das in dieser schnelllebigen Zeit einen jeden ereilt.

 

Nachts, nach deinen Albträumen halte ich dich in den Armen, durchnässt meine Kleidung, doch sonst bleibt du meinen Berührungen fern und ich bemühe mich um Zurückhaltung, möchte dich nicht verschrecken.

Dir nicht das Gefühl geben, ich wolle dich unter Druck setzen. Sicher nicht...

 

„Gehen wir morgen in die Stadt?“, frage ich dich. Möchte nicht, dass du dich zu sehr einschließt und abkapselt. Darfst nicht einfach so verlieren und womöglich den Boden unter den Füßen verlieren, das möchte ich nicht.

 

Lauri

„Was möchtest du denn in der Stadt machen?“, frage ich leise und durchsuche die Post von heute. Ein kleiner, roter Umschlag fällt mir in die Hände. Neugierig öffne ich den Umschlag und es stellt sich raus, dass es die Einladung auf Hannas Hochzeit ist...

Will ich da hin?

Kann ich in dieser Verfassung hin?

Kann ich den Druck meiner Familie und ihren Freunden dann noch stand halten?

Werde ich heil nach Hause kommen?

Ich weiß es nicht...

 

„Ich wollte mit dir ein wenig shoppen gehen...“, meinst du.

Shoppen... du willst mich sicher ablenken und dafür bin ich dir dankbar. Mit dem Brief in der Hand schaue ich zu dir auf und nicke.
„Gerne.“ Ein Lächeln huscht über dein Gesicht und du fragst was für ein Brief dies sei.

„Die Einladung zu Hannas Hochzeit... ich weiß nicht, ob ich hin gehe...“, murmele ich leise zu dir rüber und du nickst, scheinst mich zu verstehen.

„Ich möchte nicht unter Druck gesetzt werden...“, erkläre ich dir leise und du nickst erneut nur. Dann nimmst du mit einem Lächeln meine Hand und gehst mit mir aus der Wohnung.

 

Du steuerst direkt in Richtung Stadtzentrum, wo unsere Lieblingsläden sind. Ich sehe mich immer wieder ein wenig ängstlich um, „er“ könnte ja irgendwo sein. Die Angst fährt mir durch die Glieder, als ein Kerl an mir vorbei läuft. Er hatte Ähnlichkeit mit „ihm“, aber er war es nicht. Es war nicht „er“. Erleichtert ließ ich mich weiter von dir in Richtung Läden ziehen, als ich wirklich vor Schreck zusammen fahre. Mich hat wer angerempelt...

„Er“ hat mich angerempelt...

Seine Augen sehen mich kurz an und dann grinst er dreckig, scheint mich und meine Gestalt zu erkennen.

 

Aki

Du erstarrst, deine Augen weiten sich und du ziehst der Person hinterher, die soeben gegen dich gestoßen ist. Sehe die Panik, den Schreck in deinen Augen, erkenne das merkwürdige Grinsen, das der Mann dir zuwirft.

Kann es sein?

Ein weiterer Blick zu dir und ich fühle mich bestätigt in meiner Annahme.

Er.

Jenes Subjekt.

Innerhalb weniger Sekunden fasse ich einen Entschluss, folge ihm durch das Gedränge, ziehe dich an der Hand hinter mir her. Folgst mir wortlos, lässt dich ziehen und ich weiß, dass du das hier nicht möchtest, dennoch zu schwach bist, mich aufzuhalten, einfach zu gehen. Du kannst es nicht. Und ich kann dich hier nicht allein lassen.

Spüre deine Hand kaum, bist leicht, zitterst und schweigst dennoch.

 

Eilig, dennoch vorsichtig folge ich dem Mann, beobachte ihn.

Ein Mann mittleren Alters, unauffällig und trotzdem von großer Bedeutung. Negativer Bedeutung!

Folgen, einfach folgen, diese Gedanken schießen mir durch den Kopf, lassen mich laufen, ihm blind folgen. Doch was erhoffe ich mir davon? Ihm einen Namen geben zu können? Zu wissen, was er tut und tun wird?

 

Furcht ist kein Gefühl, das ich verspüre, nur der Hass, der Wunsch, zu erfahren, wer er ist.

Gleichzeitig fällt mir Hanna ein und die Einladung. Du solltest nicht dorthin gehen, doch wirst du auf mich hören? Würdest du meinem Rat Folge leisten?

Ich sehe für einen Moment zurück über meine Schulter, erstarre kurz. Tränen laufen dir die Wangen herab, dein Blick signalisiert mir, dass du fort von hier möchtest, doch...

 

Schweren Herzens wende ich mich ab, möchte nicht zweifeln, nicht das Gefühl haben, einen Fehler zu begehen, ich...

 

Halte an. Er hält an. Aus der Ferne erkenne ich, wie er ein kleines Einfamilienhaus betritt. Minuten verharre ich in meiner Starre, dann erst lasse ich deine Hand los, drehe mich zu dir um. Bist noch ängstlicher und verschreckter geworden, siehst mich beinahe panisch an: „Warte bitte hier, ich bin gleich zurück.“

Ein schwaches Nicken und ich gehe langsam auf das Haus, stelle fest, dass niemand an den Fenster zu stehen scheint, so dass ich problemlos an die Haustür gehen kann, um das Klingelschild lesen zu können. „Veli-Matti Ruuskanen“, steht dort in kleiner Schrift, schwarz auf weiß. Ich sehe mich um, niemand scheint meine Anwesendheit bemerkt zu haben. Veli-Matti, denke ich, als ich zu dir zurückkehre.

Das Gespenst hat einen Namen.

Wenn auch nicht mehr lange.

 

Lauri

Ich will einfach nur sterben...

Alles kommt wieder hoch.

Warum hast du das gemacht?

Willst du mich quälen?

Du hast meine Tränen gesehen und hast mich einfach weiter mit dir geschliffen. Beruhigend willst du meine Hand ergreifen, doch ich schlage sie weg.

Will nicht angefasst werden...

Nicht von ihm, nicht von dir.

Von niemanden!

 

Alles spielt sich erneut in meinem Kopf ab. Die Töne meiner Stimme, sein Stöhnen und seine Stöße.

Verabscheue diese Tat, diese Sache...

Dann sehe ich sie, Hanna...

Ihre Schläge für P.S., hart wie Metall und brutal wie die eines Schlägertypen. Ich konnte vier Tage nicht laufen, so schwer hatte sie mir gegen meine Beine getreten, sitzen war sogar einige Wochen schwer.

Dann die vier Kerle, die mich verprügelt hatten. Hatten mir sämtliche Brüche zugefügt an Rippen, Schulter, Nase und Beine. Ich lag wegen ihnen 2 Monate im Krankenhaus...

Hannas Freundinnen... Eine mieser als die andere. Selbstverliebt, eitel und eingebildet, Gefühlskrüppel...

 

Verstört siehst du mich nun an, verstehst nicht warum ich deine Hand weg schlage. Erneut greift deine Hand nach meiner.

„Nein!“, rufe ich und weiche aus, versuche zu laufen, zu rennen und weg zu kommen. Tränen versperren mir die Sicht, schaffe es 10 Meter weit. Als ich eine stumpfen Schlag an meiner Stirn vernehme und mich auf dem Boden aufkommen spüre.

Ich bin gegen eine Laterne gelaufen...

Zitternd liege ich am Boden, Blut vermischt sich mit Tränen, laufen wie Stromschnellen meine Wangen herab und tropfen auf dem Boden.

 

Aki

Erschrocken blicke ich zu dir herab, sehe das Blut, die Tränen, den Fleck aus trüben Rot, der sich immer weiter ausbreitet. Bin verunsichert, weiß nicht, was geschehen ist, dass du mir so offensichtlich ausweichst. Hast du meine Absichten erkannt? Hat es dich erschreckt? Hasst du mich nun?

Oder schmerzt es dich, dieses Subjekt noch einmal gesehen zu haben?

All diese Fragen bleiben in diesem Moment unbeantwortet, entgegen deines schwachen Protests nehme ich dich hoch, nehme ich dich in meine Arme und trage dich fort von diesem Ort des Schreckens.

Während des ganzen Weges über, protestierst du schwach gegen mein Tun, doch ich ignoriere es, bringe dich ins Haus, setze dich auf dem Bett ab, um wenig später wiederzukommen und die kleine Platzwunde am Kopf zu verarzten. Dein Protest ist verstummt. Ausdruckslos lässt du es über dich ergehen und als ich dir ein Taschentuch reiche, nimmst du es wortlos an, wischt dir die Tränenspuren aus dem Gesicht.

 

„Was sollte das?“, frage ich schließlich, hocke vor dir, der du auf dem Bett sitzt und sehe zu dir hinauf. Du schweigst eine Weile, bevor du leise und stockend antwortest.

„Warum hast du das getan?“

Fragend sehe ich dich an, verstehe nicht.

„Warum hast du mich zu diesem… diesem…“, deine Stimme bricht sich, wieder laufen Tränen deine Wangen herab. Hemmungslos, wollen nicht enden.

„Ich…“, doch dann schweige auch ich, erkenne, wie es dich geschmerzt haben mag, ihm wieder gegenübertreten zu müssen. Erkenne dein Misstrauen mir gegenüber. Verstehe es sogar.

„Ich wollte dir nicht wehtun. Ich weiß doch auch nicht, was ich tun soll…“, ein verzweifelter Hilferuf, das Eingestehen meiner Schwäche. Warum ich es getan habe, vermag ich nicht zu bestimmen, vielleicht musste es sein.

 

„Es tut mir leid“, flüstere ich leise und sehe zu Boden. Wo liegen meine Ziele? Würdest du verstehen, wenn ich von meinen Absichten erzähle? Wirst du mir meine Unfähigkeit vorwerfen? Gehen und mich zurücklassen?

Ich möchte es mir nicht vorstellen. Du. Fort. Was würde dann aus mir werden? Was aus dir?

 

Wieder denke ich an den Brief und die Hochzeit. Dann müsstest du ihnen allein gegenüberstehen, auf Ewigkeit ihrem Hohn und Spott. Könntest du das? Würde ich nicht vielmehr eines Tages deine Todesanzeige in der Zeitung lesen?

Doch das kann und möchte ich mir nicht vorstellen.

Du kannst nicht für immer das wehrlose Opfer sein, die Person, die ewig leiden muss.

 

Erneut ein Gedanke, der meinen Entschluss festigt, wenn nicht sogar noch ausbaut. Doch warum möchte ich das tun? Für dich? Für mich und meine Hilflosigkeit? Ich sehe dich an, sehe dir in die leeren Augen und verdränge den zweiten Gedanken. Für dich. Nicht für mich.

 




Kommentare:

  • Veli-Matti wurde vom finnischen Skispringer Veli-Matti Lindström entwendet, es bestehen jedoch keine sonstigen Parallelen oô (hoffe ich doch, wäre ja noch schöner)